Mythos & Evidenz
Vitamin D gegen Erkältungen: Der Effekt ist gerade verschwunden
2017 galt der Schutz vor Atemwegsinfekten als belegt. 2021 war er klein. 2025 ist er statistisch nicht mehr signifikant. Eine Geschichte darüber, wie Evidenz altert, und warum das ein gutes Zeichen ist.

Schützt Vitamin D vor Erkältungen? 2017 hätte ich mit einer großen Studie im Rücken ja gesagt. Heute fällt die Antwort anders aus, und dieser Artikel handelt davon, wie so etwas passiert und warum es ein gutes Zeichen ist.
Wie es anfing
2017 erschien im British Medical Journal eine Metaanalyse, die Aufsehen erregte. Zu Recht. Sie wertete nicht nur die veröffentlichten Zusammenfassungen von 25 randomisierten Studien aus, sondern die Daten der einzelnen Teilnehmer. 10.933 Personen, vom Säugling bis zum 95-Jährigen. Das ist die aufwendigste Form der Metaanalyse und die aussagekräftigste.
Das Ergebnis: Wer Vitamin D bekam, hatte ein um 12 Prozent geringeres Risiko, mindestens einen akuten Atemwegsinfekt zu erleiden.
Martineau AR et al. BMJ. 2017;356:i6583. PMID 28202713.
Zwei Details waren wichtiger als die Schlagzeile. Erstens: Der Schutz zeigte sich bei täglicher oder wöchentlicher Gabe. Bei großen Einzeldosen, sogenannten Bolusgaben, verschwand er. Zweitens: Bei Menschen mit schwerem Mangel war der Effekt groß, bei ausreichend Versorgten klein.
Beide Details sind in der öffentlichen Wahrnehmung untergegangen. Übrig blieb: Vitamin D schützt vor Erkältungen.
Wie es weiterging
2021 kam das Update. Mehr Studien, mehr Menschen: 46 randomisierte Studien, 75.541 Teilnehmer. Der Schutz war noch da – und kleiner geworden. Aus 12 Prozent Risikoreduktion wurden 8.
Die Autoren schrieben selbst, die Reduktion sei klein. Und sie fügten einen Satz hinzu, der in dieser Deutlichkeit selten ist: Welche Bedeutung diese Befunde für COVID-19 haben, ist nicht bekannt.
Jolliffe DA et al. Lancet Diabetes Endocrinol. 2021;9(5):276–292. PMID 33798465.
Diese Frage wurde inzwischen beantwortet. In einer randomisierten Studie mit 6200 Erwachsenen führte ein Test-und-Behandel-Programm weder zu weniger Atemwegsinfekten noch zu weniger COVID-19-Erkrankungen.
Jolliffe DA et al. BMJ. 2022;378:e071230. PMID 36215226.
Wie es heute aussieht
2025 erschien die nächste Aktualisierung derselben Arbeitsgruppe. 40 Studien, 61.589 Teilnehmer, inklusive einer sehr großen neuen Untersuchung.
Das Ergebnis: eine Risikoreduktion von 6 Prozent. Und ein Konfidenzintervall, das die Null einschließt. p = 0,057. Damit ist der Effekt statistisch nicht mehr signifikant.
Jolliffe DA et al. Lancet Diabetes Endocrinol. 2025;13(4):307–320. PMID 39993397.
Die Autoren berichten zusätzlich, dass der Trichterplot asymmetrisch ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass kleine Studien mit positivem Ergebnis eher veröffentlicht wurden als kleine Studien ohne. Ein bekanntes Muster. Es bedeutet: Der wahre Effekt ist eher noch etwas kleiner als der berechnete.
Andere Auswertungen passen ins Bild. Bei Menschen über 65 zeigt sich kein Effekt, bei gesunden Kindern ebenfalls keiner.
Jia H et al. PLoS One. 2024;19(5):e0303495. PMID 38787821. Fang Q et al. Front Nutr. 2023;10:1188958. PMID 37408991.
Was hier gerade passiert ist
Ein Effekt ist über acht Jahre und drei Auswertungen von deutlich auf klein auf statistisch nicht mehr nachweisbar geschrumpft.
Das ist kein Skandal. Das ist der Normalfall.
Frühe Studien sind kleiner. Kleine Studien mit spektakulärem Ergebnis werden eher publiziert. Wenn dann große, sorgfältig geplante Untersuchungen dazukommen, wandert der Schätzwert in Richtung Null. Wer die Wissenschaft nur an ihren Schlagzeilen verfolgt, erlebt das als Verrat. Wer sie an ihrem Verfahren misst, erlebt es als Selbstkorrektur.
Die Frage ist nicht: Haben sie sich 2017 geirrt? Sie haben damals korrekt zusammengefasst, was damals vorlag.
Die Frage ist: Was gilt jetzt?
Meine Einordnung
Ich schreibe über diesen Befund plausibel, nicht bewiesen. Was diese drei Stufen bedeuten, habe ich zum Auftakt erklärt.
Es gibt einen nachvollziehbaren Mechanismus (Vitamin D greift in die angeborene Immunabwehr ein). Es gibt viele Studien am Menschen. Und der zusammengefasste Effekt auf das, worauf es ankommt, ist beim aktuellen Stand nicht mehr statistisch abgesichert.
Wo ein Rest bleibt, ist er dort, wo er von Anfang an am größten war: bei Menschen mit echtem, ausgeprägtem Mangel. Wer im Winter in Mitteleuropa monatelang kaum Sonne sieht, wenig Fisch isst und viel drinnen ist, kann einen niedrigen Spiegel haben. Für ihn ist Vitamin D keine Frage des Erkältungsschutzes, sondern der Grundversorgung für Knochen und Muskeln. Und dort ist die Datenlage eine andere.
Was die Daten dagegen nicht hergeben: dass ein gut versorgter, gesunder Erwachsener seine Erkältungshäufigkeit senkt, indem er eine Kapsel nimmt. Und schon gar nicht, dass eine hohe Einzeldosis dabei hilft. Die Bolusgaben wirkten schon 2017 nicht.

Was ich daraus mitnehme
Wenn dir jemand ein Präparat mit dem Satz verkauft „Studien zeigen, dass es vor Infekten schützt“, dann frag ihn nach dem Jahr der Studie. Und nach der Studie danach.
Wissen hat ein Verfallsdatum. Das ist keine Schwäche der Wissenschaft, es ist ihr einziger Vorteil gegenüber der Meinung.
Dieser Artikel ist keine ärztliche Beratung. Ob du einen Mangel hast, zeigt eine Blutuntersuchung; ob du etwas dagegen tun solltest, entscheidest du mit einer Ärztin oder einem Arzt. Sehr hohe Dosen über lange Zeit können schaden.
Dr. Holger Scheib ist Chemiker und Honorary Associate Professor an der University of Queensland. Als „The HealthChemist“ übersetzt er Studien zu Inhaltsstoffen und Ernährung in verständliche Sprache. Mehr über mich
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Zuletzt aktualisiert: 22. August 2026